Unsere Fahrt nach Danzig 2019

Orte der Erinnerung

Fazit der Reise:

„Der Zweck solcher Orte ist es zu zeigen, wie viel Böses Menschen einander antun können. Dank der in Workshops und Besichtigungen gewonnenen Erkenntnisse konnten wir die Gräueltaten, die während des Zweiten Weltkriegs in unseren Gebieten verübt wurden, sehen und erfahren. Geschichtskenntnisse der nachfolgenden Generationen werden hoffentlich solche Geschehnisse in Zukunft verhindern. „

„Die ganze Reise war interessant und informativ. Die verschiedenen Reiseführer gaben uns viele interessante und auch schmerzhafte Informationen und Fakten. Dank ihnen haben wir große Unterschiede zwischen dem mittelalterlichen und dem modernen Leben bemerkt und lernten die Zeit zu schätzen, in der wir leben.“

„Nach dem Besuch des Europäischen Solidarnosc-Museums haben wir festgestellt, wie wichtig es ist, die Erfahrungen der Polen und der Europäer der Solidarnosc als friedliche europäische Revolution im Auge zu behalten und dass der Aufstand der Solidarnosc eine Quelle der Inspiration und Hoffnung für diejenigen ist, die nicht in offenen und demokratischen Gesellschaften leben.“

„Das Museum des Zweiten Weltkriegs hat uns viel über die Hintergründe und Geschehnisse im zweiten Weltkrieg beigebracht, aber die wichtigste Botschaft, die uns für immer in Erinnerung bleiben wird, ist der Satz neben dem Denkmal für die Opfer der Westerplatte. Kein Krieg mehr.“

Beiträge zur Fahrt nach Danzig 2019 auf der Homepage: http://www.erinnerungen-auschwitz.de/ und http://Againstforgetting.cba.pl/wp/de

Die Orte der Erinnerung

1) Konzentrationslager Stutthof

Das deutsche Konzentrationslager Stutthof ist als das erste Konzentrationslager außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches vor Kriegsbeginn bekannt. Das Lager, welches 120 Hektar groß ist, war vom 02.09.1939 bis zum 09.05.1945 in Betrieb.

Die Menschen wurden inhaftiert, da sie Widerstand geleistet haben, homosexuell waren oder eine Behinderung hatten, dem Judentum angehört haben oder kriminell aufgefallen sind. Teilweise wurden ganze Familien inhaftiert.

Die damaligen Insassen wurden gewaltsam von SS-Soldaten abgeholt. Mit Hilfe von Güterwagons wurden die Menschen in das Konzentrationslager Stutthof gebracht. Die Inhaftierten bekamen zu Beginn des Aufenthaltes im KZ bestimmte Nummern und passende Farben:

Rot=Politische Gründe

Grün=Kriminalität

Schwarz=Obdachlosigkeit und Prostitution

Pink=Homosexualität

Gelb=Juden

Sie erhielten Nummern, die sie auf Deutsch auswendig wissen mussten. Damit wurden sie gezwungen, ihre Namen abzulegen und galten fortan nur noch als Nummer.

Mit den Insassen wurde schlecht umgegangen, zum Beispiel wurden sie misshandelt, vergast oder direkt erschossen. Dies passierte als Folge auf zu langsames Arbeiten oder auch wenn sie die Arbeit verweigerten oder sogar dann, wenn sie ihre Nummer nicht auf Deutsch aufsagen konnten.

Uns wurde bei der Führung durch das Konzentrationslager eine der ehemaligen Insassen vorgestellt, wie es ihr früher erging. Ihr Name war Wanda. Wanda wurde als 19- jähriges, schwangeres Mädchen in das Konzentrationslager gebracht, da ihr Onkel Widerstand geleistet hatte. Wanda hat die Zeit im KZ überlebt.

In der Zeit von 1939-1945 sind mehr als 65.000 Menschen im Konzentrationslager gestorben. Die Leute sind verhungert, wurden vergast, verbrannt oder sind durch Misshandlungen ums Leben gekommen.

 

Our trip to Stutthof made all of us emotional and we overthink a lot of problems related to this place. We think that is really important to remember about this place and sustain the memories of inmates. +

 

2) Westerplatte und Polnische Post

Die Westerplatte ist der Ort, wo der 2. Weltkrieg anfing und dort seinen weiteren Lauf nahm.

Die Westerplatte wurde in Polen nach dem Krieg zum Symbol des Widerstandes gegen Deutschland. Das Denkmal entstand 1966. Die Westerplatte hat in Polen ihren deutschen Namen behalten.

Der Kampf um die Westerplatte in Danzig war Auftakt des Überfalls auf Polen, der als der Beginn des Zweiten Weltkrieges gilt. Dabei feuerte das zu dieser Zeit im Danziger Hafen befindliche Schulschiff Schleswig-Holstein am 1. September 1939 etwa 10 Minuten lang Salven ihrer schweren Schiffsgeschütze auf ein befestigtes Munitionslager Polens auf der Westerplatte, einer Halbinsel am Hafenrand von Danzig.

Anschließend versuchten Infanterieeinheiten vergeblich, das Munitionslager zu erobern.

Die polnischen Verteidiger ergaben sich erst nach sieben Tagen und sieben Nächten trotz der erheblichen deutschen Übermacht. Das 1966 eingeweihte Westerplatte-Denkmal erinnert an die Verteidiger.

Danzig gehörte lange Zeit zum Deutschengebiet, jedoch gehörte Danzig durch den Versailler Vertrag von 1919 nicht zu Polen oder Deutschland. Danzig war zu dieser Zeit eine freie Stadt mit eigener Verwaltung.

90% der zu dieser Zeit in Danzig lebenden Menschen waren deutschsprachig, 10% sprachen Polnisch. Im alltäglichen Zusammenleben der deutschen und polnischen Bevölkerung gab es zwar immer wieder gegenseitige Provokationen, vielfach lebten die Menschen aber auch friedlich mit – und nebeneinander.

Ab der Machtübernahme von Adolf Hitler im Jahr 1933 wurde immer klarer, dass sich Europa auf Krieg vorbereitete.

Nachdem Adolf Hitler am 28. April 1939 den im Jahr 1934 geschlossenen Nichtangriffspakt mit Polen kündigte, war den meisten Menschen klar, dass es zu Krieg kommen würde.

Die ersten Schüsse des Schiffes Schleswig-Holstein auf die Westerplatte gelten als Beginn des zweiten Weltkrieges.

Polnische Post

Durch den Versailler Vertrag von 1919 wurde der polnischsprachigen Bevölkerung der freien Stadt Danzig die Möglichkeit gegeben, eine eigene Post zu gründen. Zu dieser Zeit gab es 90% deutschsprachige Menschen und 10% Polnische. Als die Polnische Post im Stadtgebiet von Danzig 10 Briefkästen aufstellte, kam es zu Unstimmigkeiten mit der Stadtverwaltung Danzig. Der Völkerbundrat wurde angerufen und entschied, dass die Briefkästen aufgestellt bleiben durften. Des Weiteren gab es eigene polnische Briefzusteller.  

Als der Krieg begann, wussten die polnischen Postbediensteten, dass auch die Post überfallen wird. Deswegen hat man sich vorbereitet und in der Post Munition gelagert. Am 01.09. wurde dann die Post überfallen. Trotz erheblicher Kampfhandlungen konnte die Post von morgens bis abends um 19 Uhr gehalten werden. Aber als sie keinen Sinn mehr sahen, haben sie sich ergeben. Es waren ca. 50-60 Personen. Der Direktor der Post und der Kommandant verließen die Post als erste und wurden sofort erschossen. Die Übrigen konnten fliehen oder wurden festgenommen und nach Stuthoff gebracht.

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3) Burg des deutschen Ordens-Marienburg (Malbork)

Heute waren wir zur Besichtigung in der Marienburg der Burg eines alten Ritterordens bebaut vom Deutschen Orden. Diese Burg besteht aus drei Teilen. Unsere Besichtigung fing damit an, dass wir in eine deutsche und eine polnische Gruppe eingeteilt wurden und dann auf dem Gelände und in der Burg eine Führung hatten. Auf den ersten Blick kam es uns so vor, als ob es eine kleine Stadt wäre. Die Burg wurde durch den 2 Weltkrieg zerstört und mehrerer male wieder aufgebaut. Man erkennt auch Backsteine aus dem 14, 15 und 19 Jahrhundert aus den Jahren in denen die Burg wieder aufgebaut/ restauriert wurde dadurch wirkt sie sehr authentisch. Wir haben verschiedene Räume besichtigt, wie die Küche, die Schlafräume, den Kapital Saal und andere Säle, Schatzkammer, die Flure und die Toiletten. Es war alles sehr schön und groß. Dort waren sehr schöne Wandbemalungen, Fenster, Böden. Wir haben einen guten Einblick bekommen, wie es früher war und wie die Menschen dort gelebt haben. Zum Ende unserer Besichtigung war die Führung durch die Waffen und Bernstein Ausstellung.

Der Eindruck zum ganzen Ausflug war gut und wir haben viel mit genommen und wissen dass das Leben jetzt kein vergleich mehr zu früher ist.

4) Solidarnosc

Aus der Ferne können wir das Denkmal auf dem Solidarity Square sehen, was für die im Dezember 1970 gefallenen Werftarbeiter*innen steht. Gleich daneben befindet sich das sogenannte historische Tor Nr.2 der Danziger Werft, welches zum Haupteingang des ESC führt. Während der Sommerzeit sind die Springbrunnen vor der Fassade des Museums eine Attraktion. Das gigantische Gebäude des ESC ist nicht nur ein Museum, denn es hat auch viele andere Funktionen. Z.B. ist der zweite Stock das Büro von Lech Walesa. Außerdem gibt es eine Bühne auf denen Debatten sattfinden können und wer längere Zeit Dort bleibt, sollte die Bibliothek nutzen, die sich über vier Stockwerke erstreckt.

Mit der Rolltreppe gelangen wir aus dem Foyer in die erste Etage, wo die Führung durch das Museum beginnt. Der sogenannte Raum A ist eine Reise voller Reflexionen. Der Raum ist den Streiks im August 1980 gewidmet. Diese endstanden u.a. durch die Entlassung von Anna Walentynowicz, die sich für die Rechte der Arbeiter*innen einsetzte. Freie Gewerkschaften waren zu diesem Zeitpunkt verboten. Durch die Proteste wollten sie bessere Lebensbedingungen für sich erreichen, bspw. durch höhere Löhne. Nach einem zweiwöchigen Streik und Verhandlungen wurde das „Danziger Abkommen“ zwischen der Gewerkschaft Solidarnosc und der Regierung abgeschlossen. Solidarnosc war nun die erste unabhängige Gewerkschaft, in die nach und nach 10 Millionen Menschen eintraten. Neben Arbeiter*innen und Angestellten, waren in der Solidarnosc aber auch Intellektuelle aktiv, was bislang nicht der Fall war.  Rückblickend waren die Gründung und Legalisierung der Solidarnosc der Beginn vom Ende des Kommunismus. Dies wollte die Regierung nicht hinnehmen und bekämpfte die Mitglieder der Solidarnosc. Bei diesem Vorgehen wurden einige der damaligen Werftarbeiter*innen und Streikenden verhaftet und getötet, da sich gewehrt haben. Bei einem Blick an die Decke, sahen wir Helme der früheren Werftarbeiter*innen. Manche von ihnen hatten aufgedruckte Zahlen, die für die vorherigen Verhaftungen standen.

Im Raum B. befindet sich eine Zelle, in der damals die Gefangenen Werftarbeiter*innen untergebracht wurden. Wir betraten die ursprüngliche alte Werft und sahen das von Panzern zerstörte Tor. In den nächsten Räumen konnten wir die zahlreichen Proteste und Aktivitäten von bspw. Studierenden gegen die polnische Regierung sehen.

Im letzten Raum konnten wir auf einer riesigen Multimediakarte sehen, wie sich Europa nach 1989 veränderte. Die Wand daneben und somit die letzte Ausstellung des Museums, war eine Wand aus weiß–roten Karten. Auf diesen Karten können Besucher*innen ihre Meinung hinterlassen und insgesamt bilden diese Karten dann die große Inschrift ,,Solidarnosc“. Diese Inschrift aus Meinungen zu „Solidarnosc“ ist geprägt von Emotionen und zeigt nochmal den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

 

5) Museum des 2.Weltkrieges

Im Museum des Zweiten Weltkrieges erlebten wir eine Zeitreise:

Wir gehen in der Geschichte bis zum ersten Weltkrieg zurück, denn da entwickelte sich der Anfang des Zweiten Weltkrieges.

Deutschland verliert den ersten Weltkrieg. Die Menschen wissen nicht, wie sie weiterleben sollen und suchen einen „Schuldigen“. Deutschland entwickelt eine eigenartige Denkweise, sie denken, dass die Juden schuldig sind. Angeblich wollen die Juden die Welt übernehmen und schwächen Deutschland.

In Österreich bildet sich eine Partei. Die deutsche Arbeiterpartei. Diese Partei wird auch in Bayern bekannt und weckt in München hohe Begeisterung. Ein Beobachter wird in diese Partei geschickt und dies ist kein anderer als Adolf Hitler. Aus dem Beobachten entstehen ein gewisses Interesse und eine Begeisterung für die deutsche Arbeiterpartei.

Adolf Hitler gibt 1920 der Partei ein Programm, woraus sich der Name dieser Partei ergibt, NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei).

Zu ihren Forderungen gehören folgende Punkte:

  • Juden sind Ausländer und Ausländer gehören nicht in dieses Land.
  • Das ganze Land hat einen Führer.

Ab 1921 ist Hitler der Parteivorsitzender. Hitler hat die Gabe sein Publikum zu unterhalten und mit seinen Worten die Leute zu fesseln.

Nach dem gescheiterten Putschversuch 1923 muss Hitler 5 Jahre ins Gefängnis, hat aber die Chance nach 6 Monaten wieder raus zu kommen. In dieser Zeit schreibt Hitler das Buch „Mein Kampf“.

In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und Inflation erstarkt die NSDAP. 1932 ist es dann so weit, die NSDAP gewinnt die Wahl, ist aber nicht in der Lage, eine mehrheitsfähige Regierung zu bilden. Das ändert sich mit der Machtergreifung im Jahr 1933. Hitler wird zum Reichskanzler ernannt.

Zwischen 1934 und 1935 wird das erste KZ in Sachsenhausen gebaut. Hitler lässt Mengen an Geld fließen, um den Krieg zu finanzieren. Er übermittelt den Leuten, dass sich die Wirtschaft zum Besseren wendet, da durch die Wehrpflicht viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Gesellschaft wird militarisiert.

Nach zwei Jahren ist Deutschland schon vollkommen beeinflusst von der nationalsozialistischen Ideologie. Hierzu gehört auch die Verfolgung von Behinderten, die als „Abschaum“ bezeichnet werden. Das dritte Reich akzeptiert nur eine bestimmte „Rasse“ in ihrem Reich und das sind die typisch Deutschen. Blond, Blauäugig und groß. Die anderen werden einfach getötet, über rund 100000 werden aus diesem „Grund“ umgebracht, weil sie anders sind. Geistig behinderte Menschen werden für das getötet, für das sie nichts können.

Viele Menschen werden den Familien entrissen und der Kontakt wird abgebrochen. Manche werden darüber informiert, dass ihr Familienmitglied gestorben ist, aber den wirklichen Grund nennt keiner. Mit der sogenannten Aktion T4 werden behinderte Menschen grausam umgebracht. Hier werden auch die ersten Versuche der Tötung mit Zyklon B unternommen.

1939 überfällt Nazideutschland Polen und entfacht damit den Zweiten Weltkrieg.  Hitler ordnete mit den Worten „Kein Mitleid“ den Verstoß gegen das bestehende Völkerrecht und Kriegsverbrechen gegenüber der polnischen Bevölkerung an.

Ein Gespräch, das uns weitere Denkanstöße gab, war folgendes:. Zwei Piloten unterhielten sich wie folgt: “Ich habe großen Spaß am Schießen, aber ab und zu traf ich Pferde, dass tat mir leid. “Daraufhin sprach der andere zu ihm: “Du hast Pferde getötet, dass könnte ich nicht.“ Nach dem Krieg sagte einer der beiden Piloten, dass ihm das immer noch Nahe gehe, dass er die Pferde einfach so getötet hat.

Die Ausstellung des Museums des Zweiten Weltkrieges behandelt auch das Thema des Holocaust. Es wird in diesem Zusammenhang aber auch die Schuld der Alliierten erörtert, die seit spätestens 1942 von der Vernichtung der Juden wussten bzw. hätten wissen müssen.

6) Flucht aus Ostpreußen

Das Hörspiel:

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Die Story:

Alles war nur schwarz oder weiß. Ich sah nach rechts und links in die verschwindende Weite und sah nichts als weiße Endlichkeit, die in die schwarze Ewigkeit glitt. Ein kleines Stück vor mir schleppte sich ein alter Mann im zerschlissenen Mantel über das Eis und zog einen Koffer mit den letzten Habseligkeiten seines Lebens hinter sich her. Mit jeder Pfütze füllte sich sein Gepäck weiter mit dem eiskalten Nass, dass uns alle umgab und mit jedem Loch wurde er etwas langsamer. Er würde es nicht schaffen, das wusste jeder, aber was blieb uns übrig. Ich wusste nicht wohin wir genau gingen. Die letzten Befehle der Soldaten waren wirr und als wir letztlich aufbrachen, bestimmte nur die Angst vor den Gräueltaten, die die Rote Armee uns antun würde, den Weg. Es gab nur noch vorwärts und die kleiner werdende Flamme der Hoffnung war das letzte was mich wärmte; meine Haut spürte ich schon seit Stunden nicht mehr. Mit jeder Böe drang die Kälte tiefer in meine Glieder und jeder Windstoß drohte das letzte Licht in mir auszulöschen. Einfach nur vorwärts, wenn es überhaupt noch ein Ziel am Ufer der frischen Nehrung gab, würde ich es erreichen. Es sind schon zu viele gestorben. Der alte Mann trat in ein besonders tiefes Loch im Eis und sank auf die Knie. Er schaute mich mit leeren Blick an. Wortlos zog er seinen Mantel aus und warf ihn mir entgegen. Seine Flamme erlosch und sein weißer Leib glitt ins schwarz unter dem Eis. Ich zog den Mantel über und spürte sofort seinen wärmenden Schutz, doch auch die Last des viel zu großen, vollgesogenen Kleidungsstücks an mir; und die Last des Todes auf meiner Seele. Zum Trauern war schon lange keine Zeit mehr, also versuchte ich einfach zum restlichen Treck aufzuschließen. Es verging Zeit, ob viel oder wenig, konnte ich nicht mehr messen. In der Ferne erklang ein Surren, das lauter wurde. Die Flieger der Roten Armee. Ich erstarrte und blickte um mich. Die Ausdruckslosigkeit in den Gesichtern um mich herum wich sofort panischer Angst, sobald die Erkenntnis was nahte ins Bewusstsein drang. Wir konnten uns auf einer offenen Fläche nicht verstecken; wir konnten nicht zurück; wir konnten nicht schneller vorwärts. Wir waren den Russen ausgeliefert. Würden sie uns als Zivilisten erkennen? Spielte das eine Rolle? Niemand schien Antworten zu haben und so standen wir nur da, das Eiswasser bis zu den Knöcheln. Aber ich wollte mich nicht einfach meinem Schicksal ergeben, das war ich meinen Eltern schuldig, die doch ihr Leben für mich gegeben hatten. Ich setzte mich wieder in Bewegung; einfach vorwärts, wie immer. Das Surren wurde zum Kreischen und als die ersten Salven um mich einschlugen, mischte sich das Kreischen der Motoren mit dem der Menschen. Einfach weiter. Nur weiter. Wenn der Tod mich will, dann muss er mich persönlich holen. Ich habe noch Leben vor mir.  Unaufhörlich zerschlugen Patronen das Eis. Manchmal hinterließen sie nur Löcher, manchmal brach der Boden zu losen Schollen. Als erstes gingen die Wagen unter, dann die Verletzten. Neben mir versuchte eine Mutter ihr Kind dem ewigen Schwarz der See zu entreißen. Ich wandte meinen Blick ab. Einfach weiter. Ich spürte einen Schlag in meiner Brust. Das erste Gefühl, dass ich seit Stunden spürte und das letzte, das ich jemals spüren sollte. Ich sank zusammen und rutschte ins Wasser. Während ich langsam unterging, umgab mich mehr und mehr schwarz. Das letzte Weiß war ein kleines Loch über mir. Das war es also, nicht mehr vorwärts, nur noch abwärts. Aber ich habe gekämpft. Kann man mehr von einem so jungen Menschen erwarten? Ich trug keine Schuld an meiner Situation, die trugen andere. Ich habe gekämpft, bitte vergesst mich nicht.

Die obenstehende Geschichte ist ein mögliches Beispiel, wie sich ein Mensch auf dieser Flucht gefühlt haben könnte. Im Folgenden werden die geschichtlichen Hintergründe erläutert.

Die Fakten:

1944 begann bereits im Oktober der Winter und es wurde einer der Härtesten seit Jahren.
Im darauffolgenden Januar 1945 flüchteten Hunderttausende über das zugefrorene Frische Haff.
Da Ostpreußen durch die sowjetische Armee eingekreist und vom Rest des deutschen Reiches angeschnitten wurde, war dies der einzige Weg, den Russen zu entkommen.
Um ihr Ziel, die Frische Nehrung, zu erreichen, mussten sie einen etwa acht Kilometer langen Weg über die zugefrorene Ostsee auf sich nehmen.
Sie wateten durch hochstehendes Eiswasser und Bruchstellen im Eis waren eine ständige Gefahr für die Flüchtenden.
Zudem wurden sie von sowjetischen Tieffliegern beschossen, welche das Eis noch brüchiger machten.
Viele Menschen, darunter auch stillende Mütter mit ihren Kindern, ertranken im eisigen Wasser oder erfroren.
Und nur wenige erreichten das Ufer und konnten von dort aus zum rettenden Danziger Hafen gelangen.

 

7) Die Stadt Danzig